Glossen - von Hagen Rudolph

15. März 2011: Aha-Erlebnis

Die dramatischen Ereignisse in Japan zeigen schonungslos, welche schlimmen Folgen es haben kann, wenn das Undenkbare von Entscheidungsträgern nicht gedacht wird, obwohl es gedacht werden könnte und lange zu denken angemahnt wurde. In dieser Situation demonstrieren Union und FDP ein spektakuläres Aha-Erlebnis. Plötzlich scheint ihnen auch ein "vernachlässigbares" Restrisiko hochriskant, und sei es nur, um in anstehenden Wahlen nicht an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern.

Zugleich fordern Frau Merkel, Herr Röttgen und Kollegen von Atomkraftgegnern jeglicher Couleur, auf parteitaktisches Geplänkel zu verzichten und ebenfalls umzudenken, obwohl diese seit Jahrzehnten vor dem warnen, was gerade in Japan geschieht. Nochmal in Worten: Die Atomkraftgegner sollen aus aktuellem Anlass umdenken. Hmmm...

Verstehe ich jetzt richtig, dass Union und FDP die Bedenken, Sorgen, Ängste und Argumente der Atomkraftgegner all die Jahre über lediglich als Parteitaktik und staatsfeindliche Ideologie gesehen und inhaltlich in keinster Weise ernst genommen haben? Ach so...


18. Februar 2011: Plagiat

Das Wochenend "zog näher schon.
In stummer Ruh lag Babylon"... oder so ähnlich...


Ach ja, ich will mich natürlich nicht des Plagiatsvorwurfs aussetzen... zitiert wurde "Belsazar" von Heinrich Heine...

Der Minister "ward aber in selbiger Nacht“
um seinen schönen Titel gebracht...

4. Oktober 2010: Grundrecht auf Nix

Rechtzeitig zum 20. Tag der deutschen Einheit will Bahnchef Rüdiger Grube also die DDR zurück. "Ein Widerstandsrecht gegen einen Bahnhofsbau gibt es nicht", verkündet er allwissend. Gut, dass wir dies geklärt haben.

Sitzt er jetzt auch im Politbüro der BRD? Jedenfalls kann man nicht viel deutlicher zum Ausdruck bringen, wie es um den Bezug zur Realität und zur Bevölkerung steht.

Aber Einschränkungen der Grundrechte zugunsten von Großunternehmen kennen wir inzwischen, wird doch jeder CASTOR-Transport auch von Amtlichen Bekanntmachungen in den Zeitungen der betroffenen Regionen begleitet, die vier bis fünf eng bedruckte Seiten füllen. Und so eine Zeitungsseite ist nicht klein.

Verkündet werden darin Einschränkungen des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit, welche künftig also wohl um Einschränkungen des Widerstandsrechts gegen Bahnhofsneubauten ergänzt werden, wie Herr Grube entschieden hat.

"Bei uns entscheiden Parlamente, niemand sonst. Unsere frei gewählten Volksvertreter haben das Dutzende Mal getan: im Bund, im Land, in Stadt und Region. Immer mit großen Mehrheiten", so Herr Grube.

Ja, das ist die repräsentative Demokratie. Sie repräsentiert Herrn Grube und seine Interessen.

Augenscheinlich lebt die Kaste der Manager, Banker und anderer Regierender in ihrer eigenen Sphäre... wie einst der Adel...

Und wir sind das gemeine Volk. Und gemein, wie wir nun einmal sind, stören wir auch noch...

27. September 2010: Rauchen oder Hartzen

Rauchst du noch, oder hartzt du schon? Dieser Frage werden Sozialhilfeempfänger künftig wohl häufiger begegnen. Und der Ansatz des Bundessozialhilfeministeriums, die Pauschale für Alkohol- und Tabakkonsum in Höhe von Euro 18,30 zu streichen und den Regelsatz dennoch um fünf Euro von 359 auf 364 Euro zu erhöhen, ist mehr als großzügig. Doch die Idee erweist sich als völlig realitätsfremd. Sie zeigt, dass Statistik für jeden Unsinn gut ist und nutzt bei weitem nicht sämtliche Einsparpotenziale.

So weiß doch jeder, dass alle Sozialhilfeempfänger Kettenraucher sind. Wenn sie nur ungefähr eine Schachtel Zigaretten täglich rauchen, dafür also am Tag rund fünf Euro ausgeben, macht das pro Monat 150 Euro. Kettenraucher benötigen jedoch zwei Schachteln pro Tag. Daher könnte das Rauchen untersagt und der Regelsatz glatt um 300 Euro reduziert werden – ohne jegliche Einbußen bei der Lebensqualität und bei vollem Gesundheitsausgleich. Blieben ab 2011 immerhin 64 Euro pro Monat.

Der ebenso verzichtbare Alkoholkonsum wird dabei nicht einmal berücksichtigt. Wenn man den in die Rechnung einfließen lässt, zeigt sich ganz schnell, dass Hartz-IV-Empfänger sogar zuzahlen müssten.

Und das wäre nur fair. Irgendwer sollte schließlich für den Schaden aufkommen, der dem Staat durch die entgehende Tabaksteuer entsteht.

20. September 2010: Seid umschlungen, Millionen

25 Millionen Euro an Bonuszahlungen. Wow, das riecht nach Erfolg. Das ist ein gutes Geschäftsmodell. Die Sache hat sich gelohnt.

Und auch die Begründung ist abenteuerlich. Man musste diese angemessenen Prämien ausschütten, um die hoch bezahlten Spezialisten im Hause der Hypo RealEstate zu halten. Sonst wären sie abgewandert. Gar nicht auszudenken...

Trotzdem will ich mal eben rekapitulieren...

Da haben diese hoch bezahlten Spezialisten eine Bank dermaßen erfolgreich betrieben, dass sie mit Milliarden-Bürgschaften gerettet und dann verstaatlicht werden musste. Dafür sollen großzügige Boni redlich verdient gewesen sein. Schließlich ging es um echte Beträge. Und immerhin ist die Bank systemrelevant. Das ist ein bemerkenswertes System...

Und nun haben diese hoch bezahlten Spezialisten die Bank so erfolgreich durch ihre Umstrukturierung gebracht, dass sie erneut mit Milliarden-Bürgschaften gerettet werden muss. Verstaatlicht zu werden braucht sie diesmal immerhin nicht.

Klar, wenn die einmaligen Sonderzahlungen früher redlich verdient waren, sind sie es jetzt ebenso. Doch... pssst... ich glaube insgeheim, für dieses Geld hätten Sie und ich das auch geschafft.

Allerdings kriege ich die Fragen nicht ganz aus dem Kopf, was andere Unternehmen falsch machen, wenn sie ihren Beschäftigten Boni dafür zahlen, dass die sie nicht zugrunde wirtschaften...

14. September 2010: Plädoyer für den Zinswucher

Nun legt die Stiftung Warentest doch tatsächlich eine Studie über Dispozinsen vor. Das ist gemein. Soviel Transparenz. Die armen Banken. Schon wieder stehen sie am Pranger. Dabei... möchten sie doch einfach nur in aller Ruhe ein wenig Profit maximieren.

Ich hab mich schon die ganze Zeit gewundert. Wollten mir meine Uni-Dozenten in den Achtzigerjahren noch weismachen, dass ab einem Zinssatz von etwa zehn Prozent der Verdacht des sittenwidrigen Zinswuchers besteht. Erst recht, wenn der Leitzins bei einem Prozent liegt. Und doch kassieren die Banken Dispozinsen von bis zu siebzehn Prozent. Zum Ausgleich sparen sie bei den Guthabenzinsen. Gibt es keine Sitten mehr... nur noch Gewinner und Verlierer?

Für Kontoüberzieher ist das irgendwie unschön. Sie haben nicht nur kein Geld, sondern müssen davon auch noch ihre extra hohen Zinsen bezahlen. So erleichtert zu werden... hmmm... das erleichtert die Rückzahlung nicht gerade. Mit Pech endet das in der Privatinsolvenz. Ja... selber schuld.

Und die armen Banken sehen ihr Geld nicht wieder.

Und daher versteh ich auch, dass Banken diese hohen Zinsen brauchen. Je höher, desto dringender. Und weil sie zu hoch sind, müssen sie erhöht werden...

11. September 2010: Im Untergrund

Ehrenmänner, alle beide. Baden-Württembergs MP Mappus und Bahnchef Grube. Vor Vertragstreue in den Abendnachrichten nur so triefend. Da freut sich der Bürger und Steuerzahler. Feine Männer sind das. Vorbildlich ihre Rechtschaffenheit. Verträge müssen eingehalten werden. Jawoll. Koste es, was es wolle.

Zwar gibt es kleine Ungenauigkeiten beim genannten Preis eines Stuttgarter U-Bahnhofs. Aber ach... die paar Milliarden... fast nur Nullen. Es wird doch niemand wirklich geschädigt. Das Geld ist ja nicht weg. Es bekommen nur andere.

Mal im Ernst. Hierzulande würde doch niemand eine Kassiererin entlassen, die einen Pfandbon in Höhe von mehreren Milliarden Euro, den ein Kunde verloren hat, selbst einlöst. Das sind... Peanuts.

Und wer uns unmündigen Bürgern erzählt, dass ein Projekt vier Milliarden Euro kosten soll, welches tatsächlich das Drei- oder Vierfache kosten wird... der muss einen Rückzieher machen und seine Amigos um die schon sicher geglaubten Profite bringen? Lächerlich. Nichtigkeit eines Vertrages wegen arglistiger Täuschung nach § 123 BGB? Da könnte ja jeder kommen. Nee nee... Vertrag ist Vertrag. Es macht doch niemand, der im Rampenlicht steht, irgendwelche Geschäfte im Untergrund...

2. September 2010: Luftsteuer

Nein, ich habe nichts gegen eine Luftsteuer... oder wie heißt sie noch... Luftverkehrssteuer... aber da fällt mir doch etwas ein, was ich schon immer mal machen wollte.

Vielleicht muss ich dazu aber erst in die USA auswandern, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Denn nachdem die Firma RiceTec sich 1997 ein Patent auf Basmati Reis gesichert hat – den edlen und traditionsreichen Reis von den Südhängen des Himalaya – kam ich auf die Idee, dass es doch auch möglich sein müsste, ein Patent auf Luft zu erwerben.

Was für ein Leben! Jeder Nutzer meiner Luft müsste eine Lizenzabgabe zahlen. Alle Lottogewinne dieser Welt wären nichts dagegen! Nie wieder arbeiten... nur noch tief durchatmen und meine Luft genießen... und die nie versiegenden Einnahmen. Profit heiligt eben die Mittel.

Und auch die Bundesregierung müsste auf ihre Luftverkehrssteuer, die sie dank der Nutzung meiner Luft erheben könnte, natürlich einen Anteil an mich abführen, der freilich – aber das sag ich nicht so laut – verhandelbar wäre, wenn ich von den sonstigen Steuern befreit würde.

Eine herrliche Vorstellung... diese Luftnummer...


27. August 2010: Geldraubomaten

Was ist ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank, fragte mal ein weiser Mann. Ja, stimmt. Früher gab es Raubritter. Heute gibt es Geldautomaten. Mit Gebühren bis zu zehn Euro – in Worten: zehn Euro – für eine einzige Bargeld-Auszahlung. Ein Wunder, dass man überhaupt noch Geld bekommt... dass der Automat es nicht einfach als Schmerzensgeld einbehält, weil man seine Tasten berührt hat. Soviel Großherzigkeit...

Erinnern wir uns. Früher gab es Lohntüten. Einmal pro Woche oder so wurde der Lohn in bar ausgezahlt. Ohne Bank. Das ging natürlich nicht. Wie sollten Banken Geld verdienen mit Geld, das sie nicht hatten? Daher führten sie Girokonten ein.

Nun war das Geld bei ihnen. Wunderbar. Sie konnten damit arbeiten und es vermehren. Da Arbeit jedoch Kosten verursacht, mussten sie Kontogebühren einführen. Das ist nun einmal so.

Dann wollten sie Personal einsparen, um noch mehr Geld zu verdienen. Deshalb stellten sie Automaten auf. Für lästige Kunden, die trotz der Personaleinsparungen noch immer Leistungen der Banken in Anspruch nehmen und dann auch noch an ihr Geld wollen. Die sozusagen Banken um deren rechtmäßiges Eigentum bringen.

Selbstverständlich kann dies nicht ungestraft bleiben. Daher also – gewissermaßen als Entschädigung – Gebühren bis zu zehn Euro. Für den Anfang. Sowas nennt man Verdienst am Kunden.

Filialen gibt es nicht mehr. Nur Automatencenter, so weit das Auge reicht. Schade. Wie soll man da noch einen ehrlichen Bankraub durchführen?

24. August 2010: Bundesschützenwehr

Die Bundeswehr zu straffen, schlagkräftiger zu machen und dabei auch noch Kosten zu sparen ist sicher eine gute Idee.

Und dass vor dreißig Jahren mein Tribunal zur Anerkennung als Wehrdienstverweigerer (bevor ich sechzehn Monate meines Lebens als Zivildienstleistender zubrachte) mit insgesamt vier Stunden länger dauerte als der zukünftige Wehrdienst, naja, das ist dann eben so. Hat auch keiner gesagt, dass es im Leben gerecht zugeht. Wenigstens mussten wir hier schon ewig keinen Krieg mehr erdulden, und das ist durchaus ein Gewinn an Lebensqualität.

Aber wenn die Bundeswehr schon reformiert wird... warum nicht völlig neue Strukturen schaffen, wie wir sie aus dem Dreißigjährigen Krieg kennen? So eine Art Bürgerwehr, volksnah organisiert in regionalen Schützenvereinen? Mit Schützenfesten als jährlichen Heerschauen. Der Schützenkönig darf den örtlichen Schützenpanzer in seine Garage stellen und selbst warten und nutzen.

Okay, ein Spritsparmodell ist so ein Fahrzeug nicht gerade... beim Verbrauch von etwa einem Liter pro Kilometer. Doch dafür haben wir die Panzer ja schließlich. Damit sie am Hindukusch oder anderswo in der Welt unsere Interessen verteidigen und dafür sorgen, dass der Treibstoff, den sie schlucken, ungehindert zu uns gelangt...

8. August 2010: Elektronische Wegfahrfußfessel

Es ist wirklich kein Spaß mit den hoch gefährlichen, schwer kriminellen, nicht therapierbaren Langzeitknastis, die nach verbüßter Strafe jetzt nicht einmal mehr zum effektivem Schutz der Bevölkerung in rechtsstaatliche Sicherungsverwahrung gesperrt werden dürfen...

Und nun eiern wir hier herum mit Vorschlägen wie anschließender Sicherungswienennenwiresdennanders oder elektronischer Wegfahrfußfessel. Fragen nach der Verhältnismäßigkeit sind natürlich dank der Beißreflexe einer nimmermüden und zugunsten der eigenen Verkaufszahlen jederzeit gerne den ersten Stein werfenden Boulevardpresse strengstens untersagt.

Aber – oh Graus – wie steht es um all die potenziell gefährlichen, vielleicht kriminellen, noch gar nicht zu therapieren versuchten Nieknastis, die ohne verbüßte Strafe frei herumlaufen, obwohl wir doch alle wissen, dass das Raubtier im Menschen nur darauf wartet, unter der dünnen Kruste der Zivilisiertheit hervorzubrechen? Das müssen Millionen sein, von denen immer mal der eine oder andere... au weia. Was machen wir bloß mit denen?

Und wer soll auf sie aufpassen, wenn die Aufpasser selbst potenziell gefährliche, vielleicht kriminelle, noch gar nicht zu therapieren versuchte Nieknastis ohne verbüßte Strafe sind?

8. August 2010: Drei Stunden Mehrwertsteuer

Um das Sommerloch mit einer weiteren kreativen Idee zu füllen, richte ich einmal folgenden Vorschlag direkt an Guido Westerwelle und Rainer Brüderle. Doch vielleicht schlummert der Einfall ja bereits als nächster großer Wurf in einer ihrer geheimen Schubladen...

Wir wissen alle, dass der Tag 24 Stunden hat. Und wem das nicht reicht, um genug zum Leben zu verdienen, der kann ja noch die Nacht hinzu nehmen. Soweit habe ich das neoliberale Weltbild verstanden.

Nun ist Zeit bekanntlich Geld. Dieser Umstand müsste Begehrlichkeiten wecken. So ist eigentlich erstaunlich, dass noch keine findigen Köpfe in der FDP auf den Gedanken gekommen sind (oder vorher darüber geredet haben), zur Sanierung der Staatsfinanzen pro Tag drei Stunden Mehrwertsteuer zu erheben. Selbstverständlich würde dieser Beitrag nur von Arbeitslosen, Hartz-4-Empfängern, Frührentnern und Alleinerziehenden kassiert. Denn die haben zwar keine Lobby, aber in jedem Fall genügend Zeit.