Kurzgeschichten - von Hagen Rudolph

Beispiel 1: Die Armbrust


Ein Hauch von Stoff umschmeichelte sparsam ausgewählte Partien ihres attraktiven Körpers. Mit etwas gutem Willen konnte man von Dessous sprechen. Aber sie wollte mehr. Nur was?

Sie stand vor ihrem weit geöffneten Kleiderschrank und fragte sich, was sie anziehen soll. Ist dies ein Krimi? Science Fiction? Oder etwa eine Liebesgeschichte? Sie wusste es nicht. Aber ihr war klar: Passende Kleidung ist in ihren Kreisen heutzutage das A und O. Eine falsche Entscheidung, und sie kann einpacken. Die Leser würden einen derartigen Fauxpas nie verzeihen.

Katharina von Wegen war Inhaberin des Schwarzen Gürtels im Synchronschwimmen. Deshalb entschied sie sich für einen Krimi. Das bedeutete: Jeans, Sweatshirt, Schulterhalfter. Kurz nahm sie ihre 4,5 PPM Walther MFG UAWG X.15 Automatik zur Hand und prüfte das Magazin. Der kalte Stahl strahlte Ruhe und Sicherheit aus.

So konnte sie sich ins Milieu wagen. Jetzt noch Trenchcoat, Sonnenbrille, Hut. Und natürlich Sportschuhe, um mobil zu sein. Hätte sie zu dem Zeitpunkt geahnt, wie richtig diese Entscheidung war, wäre sie besser im Bett geblieben.

Katharina schloss die Haustür und begab sich zum Schuppen, wo ihr Trekkingbike wartete. Auf halbem Weg erstarrte sie. Da stand er.

Bonny N. Clyde richtete seine Armbrust auf Katharina. Oh nein! Ihn hatte sie einst ... ach was, dafür war im Moment keine Zeit.

Ihr Gehirn arbeitete fieberhaft. 'Eine Schussverletzung ist schlimm genug', dachte sie. 'Aber der Bolzen einer Armbrust - schauderhaft, wie sieht das bloß aus? Was soll später der Gerichtsmediziner von mir denken?'

Noch immer war die Armbrust genau auf ihr Herz gerichtet.

Die Lage war aussichtslos. Keine Chance für ein Entkommen. Da beschloss sie, ihre letzte Trumpfkarte auszuspielen, die sie sich eigens für solche Fälle aufbewahrt hatte.

"Autor!"

Nichts.

"Hee, Autor!"

Meinte sie mich?

"Ey, du elender Schreiberling!"

Sie meinte mich.

"Du hast mich in diese miese Situation gebracht. Jetzt sieh zu, wie ich da wieder heraus komme!"

Verstohlen sah ich mich um. Hatte jemand etwas gehört? Zu dumm - meine Frau kam gerade und brachte mir eine Tasse Tee. Aufmerksam schaute sie zum Monitor auf meinem Schreibtisch. Bestimmt hatte sie alles mitbekommen. Nun gab es kein Zurück für mich, sonst hätte es Ärger gegeben - wegen unterlassener Hilfeleistung. Ich musste eingreifen.

Katharina hatte den rettenden Einfall. Fest blickte sie dem Banditen in die Augen.

"Ich habe den schwarzen Gürtel im Synchronschwimmen!".

Jedes Wort schleuderte sie ihm wie einen Peitschenhieb entgegen.

Bonny N. Clyde fuhr einen Schritt zurück und erbleichte. Damit hatte er nicht gerechnet. Die Armbrust senkte sich. Der Bolzen zielte nur noch auf Katharinas linkes Knie. Das war vertretbar. Jetzt musste es schnell gehen. Jetzt zählten Bruchteile von Sekunden.

Während sie sich seitwärts fallen ließ und abrollte, zog sie ihre 4,5 PPM Walther MFG UAWG X.15 Automatik. 1516 Mal hatte sie das geübt und nun stellte sie fest, dass ein paarmal häufiger auch nicht geschadet hätte. Der kalte Stahl strahlte Ruhe und Sicherheit aus, als sie sich ihren rechten Ellenbogen prellte. Aber Sicherheit geht nun einmal vor.

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Hinweis: Aufgrund der Nachfrage hat Katharina von Wegen weitere skurrile Abenteuer erlebt, die als
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Bislang erschienen:
Die Armbrust (Bonny N. Clyde Trilogie Teil 1)
Der Wurfstern (Bonny N. Clyde Trilogie Teil 2)
Die Dunkelheit (Bonny N. Clyde Trilogie Teil 3)
Die Krone der Schöpfung
Weites Land
Die Formation


Beispiel 2: Nacht


Wolkenschleier hetzen den Vollmond, um ihm sein fahles Licht zu rauben. Die merkwürdigen Käfer auf dem herabgefallenen Aststück sehen giftig aus, während die Musik in meinem Kopf seltsam düster klingt und Nebel zwischen den Büschen hervorkriechen. Sie greifen nach meinem dürftigen Feuer, welches sich mit fröstelndem Flackern gegen ein Ersticken wehrt.

Ich ziehe meine Jacke noch etwas fester und schlage den Kragen hoch. Doch die Kälte hat sich lange darin breit gemacht und lässt die Zähne klappern.

Trotzdem spüre ich den eisigen Hauch hinter meinem Rücken. Ungesehen nähert sich das Grauen. Ich erschrecke nicht, wundere mich nicht einmal. Was soll man in dieser Stimmung anderes erwarten?

Phosphoreszierend und unstet wabernd legt sich eine gewichtslose Pranke schwer auf meine Schulter. Langsam wende ich den Kopf, den Oberkörper, um das Wesen betrachten zu können. Die unförmige Gestalt scheint zu grinsen. Manchmal löst sich ein Fetzen von ihr und wird vom Wind davongetragen, ersterbend wie ein Herbstblatt.

"Krrrhirrrhirrrhi", lacht sie wie eine rostige Säge. "Dro hullo ovski vlø nünnî zlyszbörk."

Ich verstehe nicht. "Wie bitte?"

"Aaach, du verstehst nicht? Du sprichst wohl viiierrääädrisch", stellt sie langgezogen fest. "Du bist wohl einer von diesen Warmblütern mit ihren rollenden Dosen ... Essen auf Rädern ... immer schön frrrisch ..." Diese zischende Bemerkung klingt nicht gut. Geräuschvoll sabbernd scheint sie Appetit bekommen zu haben. Mich schaudert.

"Nein, ich fahre kein Auto", schlottere ich. "Ich bin mit dem Fahrrad hier."

Die Gestalt zögert genießerisch. "Jaaa, solche Exemplare sind auch nicht schlecht ... etwas fester im Bissss ..."

Ich will aufspringen, weglaufen, doch meine Beine gehorchen nicht. Ich bin gelähmt.

"Wer bist du?" presse ich hervor.

"Man nennt mich Ungeist von Rechts", flüstert er aufklärerisch. "Du darfst Ungeist zu mir sagen. Ich verzehre alles und leugne alles. Ich bringe Kälte und verbreite Angst. Meinen Freunden gebe ich Macht und Dummheit. Und dann verzehre ich sie auch. Wo ich bin, gibt es keine Liebe, keine Wärme, keine Freiheit, kein Licht."

Der Mond ist ausgegangen. Ich erstarre. Der Ungeist hebt seine Pranke. Ringsum zucken Fackeln auf und verbreiten einen bräunlichen Schein. Bösartige Musik dröhnt. Giftige Käfer schwärmen ...